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  • Julia Brandstätter

Wer bin ich ohne mein Drama?


Ich wache heute mit Schmerzen im Kiefer auf. Den Mund zu öffnen tut weh.

Mein Verstand möchte sofort zu galoppieren beginnen:

"Oh nein, doch nicht gerade jetzt im Urlaub! Wie unfair!" "Ich hatte mich so auf die paar Tage Entspannung gefreut und jetzt das!" "Das ist bestimmt ein Backenzahn, der gerade abstirbt. Da brauche ich sicher eine Wurzelbehandlung! Und das ist ja genau neben dem Zahn, bei dem ich schon eine Wurzelbehandlung hatte. Da brauche ich dann meine erste Krone. Oder eine Brücke! Was das kosten wird!" "Wenn das schlimmer wird, wo bekomme ich da einen Arzt her, dem ich vertrauen kann? Wie soll ich das nur machen?" "Jetzt verderbe ich meinem Mann unseren Urlaub und bin für nichts zu gebrauchen!" "Was wenn die Schmerzen noch schlimmer werden und nicht mehr zu ertragen sind!" "Wieso muss das unbedingt jetzt passieren!" "Was habe ich falsch gemacht?"


Mein Verstand möchte sich in diesen Gedanken suhlen, möchte den Teufel an die Wand malen, möchte kontrollieren, was nicht zu kontrollieren ist, er möchte mit der Wirklichkeit (in diesem Fall sind das meine körperlichen Empfindungen) streiten und sie anders bzw. weg haben wollen. Er möchte sich in ein Drama verstricken und ist dabei komplett in einer Zukunft, in der alles ganz furchtbar und schrecklich ist.

Und dann gibt es da noch ETWAS in mir - oder vielleicht besser: etwas AUSSERHALB meines physischen Körpers. Es stoppt meine galoppierenden Gedanken. Es beruhigt mich und sagt, dass alles gut ist. Immer. Mit Schmerzen und ohne. Hier und jetzt.

Und was, wenn ich nichts über Schmerzen wüsste? Wie würde ich einem Alien erklären, was Schmerzen sind? Ich begebe mich hinein in das Gefühl, das ich als Schmerz etikettiert habe: ich schließe die Augen und atme ruhig. Spüre meinen Körper. Gehe hinein in das Gewebe meines Kiefers, ganz tief in die Zellen. Bin aufmerksam und ganz gegenwärtig. Wie eine Forscherin versuche ich zu erkunden, was das eigentlich ist, was ich heute morgen beim Aufwachen reflexartig als Schmerz benannt habe. Das ist gar nicht so leicht. Ich bemerke, dass ich eher spüren kann, was es alles nicht ist. Es pocht nicht, es sticht nicht, es brennt nicht. Es ist mehr ein Ziehen. Und auch nur, wenn ich den Kiefer bewege. In Ruhelage spüre ich es gar nicht. Also begebe mich in Ruhelage. Gehe wieder ins Bett, decke mich zu und lausche weiter. Höre zu, was mein Körper gerade braucht und will. Er möchte ein Schmerzmittel nehmen, sich schonen und entspannen. Okay, dann machen wir das so. Keine Geschichte, kein Drama, keine Zukunft. Stattdessen Präsenz. Ruhe statt Stress. Das tut gut. Ich beschließe meinem Körper beizutragen. Was auch immer er braucht.

Vielleicht ändert sich mein Schmerz heute Abend oder morgen: Vielleicht ist er dann weg. Oder vielleicht wird er auch stärker. Aber auch dann wird mein Körper mir sagen, was er will und braucht. Vielleicht möchte er heute Abend lokal Nelkenöl aufgetragen bekommen. Vielleicht will er noch eine Tablette. Vielleicht will er morgen zum Arzt. Ich weiß es nicht. Ich brauche es nicht zu wissen. Was er nicht braucht: stressige Gedanken. Ohne stressige Gedanken ist da: Erleichterung. Weite. Verbundenheit mit meinem Körper. Da ist also eine körperliche Empfindung in meinem Kiefer, die unangenehm scheint, nicht näher definierbar. Spannend!

Ohne Geschichte, ohne Drama ist dieses Gefühl einfach nur... interessant. Interessant, was mein Körper da gerade kreiert. Ich mische mich nicht ein. Es ist nicht meine Aufgabe meinen Körper zu bewerten. Ich beobachte nur.

Ohne Drama bin ich... Vertrauen. Ohne Geschichte bin ich...entspannt. Ohne Gedanken über die Zukunft bin ich... Dankbarkeit. Ich bin... ICH BIN.







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