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  • Julia Brandstätter

Enjoy the ride!

Updated: May 3, 2019

Vor zwei Wochen hatte ich einen Unfall mit dem Fahrrad. Ich war in Eile und um schneller voranzukommen, wollte ich mittiger auf der Fahrspur fahren und blieb dabei mit meinem Vorderreifen in der Straßenbahnschiene stecken. Ich fiel und stützte mich während des Fallens mit meinem gesamten Gewicht auf meiner rechten Hand ab.

Ein Weckruf in die Gegenwart zurückzukehren, denn ich war in Gedanken nicht auf der Straße, sondern bei meinem Termin, zu dem ich unbedingt pünktlich erscheinen wollte. Eine gute Gelegenheit zu untersuchen, welche Überzeugungen damit zusammenhängen. Wenn ich unpünktlich zu dem Termin komme: was bedeutet das für mich?

· Ich bin unhöflich.

· Die Leute denken, dass ich unhöflich bin.

· Ich bin undankbar (weil sich jemand für mich die Zeit für diesen Termin genommen hat).

· Die Leute denken, dass ich undankbar bin.

· Das gehört sich nicht.

· Ich muss um jeden Preis pünktlich sein.

· Ich darf nicht zu spät kommen.

· Ich darf nicht ganz knapp und abgehetzt zu einem Termin kommen.

Sehr viele, sehr stressige Gedanken und das während einer meiner Lieblingsbeschäftigungen, dem Radfahren, das ich besonders im Frühling so liebe.

Als mein Freund abends nachhause kam, dem ich von dem Unfall berichtete und wir gemeinsam während des Abendessens die dick angeschwollene, dunkel verfärbte Hand begutachteten, hörte ich seiner Geschichte zu. Er starrte entsetzt auf meine Schwellung und erzählte mir, dass es morgen noch viel schlimmer sein würde, dass ich unbedingt zum Arzt müsse und dass ich nicht arbeiten können werde. Und ich sah seine Besorgnis, seinen Schock und wusste: das ist nicht meine Geschichte. Er könnte Recht haben, mit allem, was er sagt. Und... es könnte auch ganz anders sein. Meine Realität in diesem Moment war, dass ich gesund und satt und dankbar war.

Und an seiner Geschichte war nichts Falsches. Unser Verstand liebt diese Geschichten. Er ist ein Meister in „Das Allerschlimmste, was passieren kann, ist…“-Geschichten-Erfinden. Warum sonst ziehen wir uns im Kino auch Dramen und Horrorfilme rein. Unser Ego fährt voll darauf ab! Im Kino wissen wir, dass es nicht Realität ist, aber im Alltag vergessen wir das. Im Freizeitpark fahren wir mit den wildesten Achterbahnen und genießen nicht genau zu wissen, was gleich kommen wird, das Hinabstürzen, den freien Fall. Im Alltag haben wir Angst zu fallen. Und wenn wir fallen, verpassen wir das geile, einmalige Erlebnis, für das wir vorher sogar noch Eintritt bezahlt haben. Wir verpassen es, weil wir uns von unseren Gedanken und Geschichten, dass es anders passieren sollte, als es gerade passiert, vereinnahmen lassen.


Im Bett nahm ich mir dann die Zeit diesem Unfall nochmal nachzuspüren und ich konnte dabei nur Herrlichkeit und Glück entdecken: Da war der Mann, der direkt hinter mir ebenfalls mit dem Rad unterwegs war, und der sofort mein Rad schnappte und an den Straßenrand zog. Genau auf der Höhe, auf der ich stürzte, war der einzige freie Parkplatz in dieser Straße, sodass wir dorthin sofort ausweichen konnten. Meine Hand, die so geschickt meinen Fall auffing. Die Straßenbahn, die hinter mir nahte, aber noch weit genug weg war und langsam genug fuhr, sodass auch ich genug Zeit hatte, mich aufzurappeln und an den Straßenrand zu bewegen. Wieder der nette Herr, der mich wiederholt fragte, ob ich okay sei und mir eindringlich sagte, dass das nächste Krankenhaus gleich in der Nähe sei. Sein liebevolles, umsorgendes Nachfragen. Mein In-mir und Bei-mir sein und mir zu erlauben seinen Fragen zuzuhören und zu erkennen, dass ich kein Krankenhaus benötige. Und zu wissen, dass ich jederzeit ins Krankenhaus fahren werde, wenn es notwendig sein würde. Zu wissen, was ich brauche. Zu wissen, dass ich okay bin.

Im Vertrauen darauf, dass mein Körper sich heilt, ging ich schlafen. Ich gab ihm, was er wollte. Er wollte Ruhe, vor allem Ruhe in meinen Gedanken. Meine Hand wollte mit einer Salbe versorgt werden. Mein Herz wollte in Dankbarkeit und Fülle sein.

Im Wissen, dass - falls die Schwellung meiner Hand über Nacht nicht besser wird - ich ihr jede Unterstützung zukommen lasse (zum Hausarzt oder ins Unfallkrankenhaus zu gehen, zu cremen, zu schonen, mich krankzumelden - was es auch immer brauchen würde), schlief ich ein.

Meine Hand ist wieder gesund. Meine Gedanken über meinen Unfall sind es auch.


Es gibt zwei Arten einen Unfall zu haben:

  1. Oh Gott! Ich hatte einen Unfall, wie schrecklich. Das hätte nicht passieren dürfen!

  2. Ich hatte einen Unfall. Wie spannend, wie aufregend! Und was ist jetzt zu tun?

Was denkst du? Mit welcher Haltung ist mehr möglich? Enjoy the ride!




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